„Hier jagen sich die Ereignisse. Die Agenten der Entente sind unterminierend tätig, erstens gilt´s dem deutschen Kaiser und Kronprinzen, dann den deutschen Fürsten. Wenn die unabhängigen Sozialdemokraten noch mehr Zuwachs und Macht bekommen, dann kann auch Bayern die Republik drohen. Ich bin auch auf die Revolution gefaßt.“ Das schreibt Prinzessin Wiltrud von Bayern am 1. November 1918 in der Münchner Residenz in ihr Tagebuch. Wenig später sollte sich ihre Ahnung bewahrheiten: Am 7. November proklamiert Kurt Eisner den Freistaat Bayern und erklärt ihren Vater, Ludwig III. als König für abgesetzt.

Die historischen Fakten sind bekannt. Aber wie haben die Mitglieder des Königshauses die dramatischen Ereignisse erlebt? Hundert Jahre später lässt die Autorin Christiane Böhm Augenzeugen von damals berichten. In ihrem Buch „Eben noch unter Kronleuchtern…“ hat sie die Tagebucheinträge und Erinnerungen der Prinzessinnen Wiltrud, Hildegard und Helmtrud sowie die Aufzeichnungen von Franziska „Fanny“ Scheidl, der Kammerfrau von Königin Marie Therese veröffentlicht und erlaubt so einen einzigartigen Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt dieser Mitglieder des königlichen Hofes. Ein Buch wie eine Liveübertragung. Aber wo stöbert man diese Aufzeichnungen auf? Im Geheimen Hausarchiv der Wittelsbacher. Christiane Böhm kam während er Recherchen für ihr Buch „Wie lebten Prinzen und Prinzessinnen in Wirklichkeit oder Erbsen ohne Ende!“ (August Dreesbach Verlag, 2009) über den Alltag der bayerischen Königskinder auf dieses Archiv: „Ich stieß dort unter anderem auf die Tagebücher der Prinzessin Wiltrud. Mir gefiel ihr origineller und eigensinniger Charakter als Kind und schon damals fasste ich den Gedanken ihren Nachlass in einem eigenen Projekt in Angriff zu nehmen,“ erklärt die Autorin. Was sie dort zu Tage förderte ist spannend, berührend, informativ und vor allem eines: keine Fiktion. So beschreibt Prinzessin Wiltrud die Flucht aus der Residenz in der Nacht auf den 8. November, als die Familie völlig unvorbereitet das Nötigste zusammen packte und sich „im Schatten von Pfeilern und sich nach Verstecken umsehend“ hinüber in die Garage stahl. Der erste Chauffeur Hausner sei nicht zu finden gewesen, weil er gerade bei der revolutionierenden Menge auf den Josephsplatz gewesen sein soll: „Die Autos waren in abschäulicher Verfassung, als wir sie so nötig brauchten, verschmutzt und nicht im Stande. Der I. Chauffeur Hausner, ein glänzender Fahrer, der aber vom Instandhalten und Putzen der Maschinen nicht viel verstand, war ein Erz-Sozi, und wir bei Hof wußten es nicht.“

Eine Hochzeit und prominente Todesfälle

Die Prinzessinnen und Hofdame Fanny berichten von der chaotischen Flucht, die schließlich in Schloss Wildenwart endete und von den Begegnungen, die sich dort ereigneten. Tragischer Tiefpunkt für die Familie war der Tod von Königin Marie Therese im Februar 1919. Bei ihren Recherchen ist Christiane Böhm in diesem Zusammenhang auf eine für sie besonders berührende „Szene“ gestoßen: „Es ist der Moment, in dem Wiltrud erfährt, dass ihre Mutter gestorben sein soll. Wiltrud ist gerade auf dem Weg ihre Eltern zu suchen und sitzt incognito in einer Postkutsche mit anderen Fahrgästen, die meisten davon ‚Sozis‘. Eine Mitreisende nervt Wiltrud mit ihrem unablässigen Geschwätz, doch plötzlich erwähnt sie mitten in all den Nichtigkeiten, dass die Königin ‚auch gschtorbn‘ sein soll. Obwohl Wiltrud die Nachricht vom Tod ihrer eigenen Mutter durchfährt wie ein Schwert und sie innerlich vollkommen aufgelöst ist, muss sie sich nach außen völlig unberührt geben und so tun als sei nichts (ja, sie beteiligt sich sogar noch beiläufig am Gespräch, um nicht aufzufallen).“

Inmitten all der Turbulenzen wird die Hochzeit von Prinzessin Gundelinde („Gunzi“) mit Graf Johann Georg von Preysing-Lichtenegg-Moos geplant, der am 21. Februar 1919 in München Augenzeuge eines Verbrechens wurde, das Bayern veränderte. Prinzessin Wiltrud schrieb das nieder, was er ihr berichtete: „Als Georg vor 10 Uhr, der Beginnstunde des neuen Landtages, hinunter ging, um auf der Post Gunzi seine Ankunft zu melden, hörte er Schüsse (…). Er sah unterhalb des Ministeriums, schon in der Promenadenstraße eine große Blutlache.“ Soeben war Ministerpräsident Kurt Eisner von Toni Graf Arco-Valley erschossen worden.

Aus den Aufzeichnungen der Prinzessinnen lässt sich auch auf deren Charaktere schließen. So attestiert Christiane Böhm den Prinzessinnen Helmtrud (1886 – 1977) und Wiltrud (1884 – 1975) einen gewissen Pragmatismus. Sie hätten die Geschehnisse gut verkraftet. Anders Prinzessin Hildegard (1881 – 1948): Obwohl sie wie Helmtrud bereits Rotkreuz-Krankenpflegerin im 1. Weltkrieg war, war sie eher künstlerisch veranlagt, nervenschwach und nicht so belastbar. „Was allen gemeinsam war und aus heutiger Sicht vielleicht erstaunt, ist, dass keine von ihnen je jammert oder sich beklagt. Ich vermute, das liegt zum einen an der Zeit (damals stand das persönliche Schicksal generell nicht so im Vordergrund wie heute) als auch an der katholischen Erziehung durch die Eltern, entsprechend dem Motto: Was Gott schickt, muss man ruhig ertragen und darf der Mensch nicht murren“, erklärt die Autorin, die mit ihrem Buch die Geschehnisse während der bayerischen Revolution aus einem wirklich außergewöhnlichen Blickwinkel betrachtet.

„Eben noch unter Kronleuchtern…“

Die Revolution 1918/19 aus Sicht der bayerischen Königstöchter
Christiane Böhm Hrsg.
Edition Luftschiffer
ISBN 978-3-944936-52-9

Foto: Thomas Endl